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Hans Dampf

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Hans Dampf

Beitrag von BABSvomKUTSCHI am Do 25 Apr 2013, 22:42

Hans Dampf

Hans Dampf? Hans Dampf in allen Gassen? Ja, richtig.
Hans Dampf in allen Gassen.
Wer kennt ihn nicht, diesen Begriff, der mehr als ein Jahrhundert
mühelos überdauert hat und wahrscheinlich auch aus dem Sprachgebrauch
des nächsten Jahrhunderts nicht wegzudenken ist.
Aber, ist Hans Dampf nur ein Begriff, ein imaginärer Typ der geprägt
wurde, um eine bestimmte Gattung Mensch zu klassifizieren?
Nein, so ist es nicht.
Hans Dampf gab es wirklich, und seine Geschichte ist umso erstaunlicher,
handelte es sich doch bei ihm um keine hochgestellte Persönlichkeit,
sondern lediglich um einen Tagelöhner, der bis zu seinem Lebensende
kaum mehr als zwei rote Heller sein Eigen nennen konnte.
Man schrieb das Jahr 1855, als an einem Morgen im Mai der gerade 13 Jahre
alt gewordene Hans Dampf den Eintritt ins Berufsleben vollzog.
Die Angelegenheit spielte sich in Graz ab, der Distrikthauptstadt der Steiermark,
und in ebenjenem Graz war die Zuckerbäckerei & Patisserie des Matthias
Schladerer ein Begriff, bestand sie doch schon nahezu 180 Jahre in der
Heubelgasse, wo seitdem tagein, tagaus feinste Ware in gleich bleibend bester
Qualität gefertigt wurde.
In jener Zuckerbäckerei & Patisserie Schladerer trat nun der junge Hans Dampf
seinen Dienst als Laufbursche an.
Geschwind brachte er die Süßigkeiten, Torten und Leckereien, oder was auch immer,
von der Heubelgasse nach überallhin in der Stadt. Bereits nach kaum mehr als
drei Monaten war er den Bürgern der Stadt ein vertrautes Bild.
Ob Sonne, ob Regen, ob Schnee oder Sturm, Hans Dampf durcheilte täglich die
Gassen, seine süße Fracht pünktlich zu überbringen. Dabei war er immer freundlich,
bedankte sich artig für kleine Aufmerksamkeiten und vergaß nie, die Empfehlung
des Meisters auszurichten.
So ging es Jahr um Jahr. Hans Dampf gehörten alle Gassen und das geflügelte
Wort: Hans Dampf in allen Gassen – breitete sich allmählich über die
Stadtgrenzen von Graz hinaus.
Und die Jahre vergingen, Hans Dampf wurde älter, sein Laufstil ökonomischer.
Aber weiterhin zeigte er die Geschmeidigkeit einer echten Steiermärker Wildkatze.
Und wiederum verging die Zeit, und die Stadt Graz führte die Pferdebahn ein.
Bereits nach vier Tagen, bei einem Überholvorgang auf regennassem
Kopfsteinpflaster, geriet Hans Dampf durch Aquaplaning unter die Pferdebahn.
Er wurde überrollt und tödlich verletzt.
Fast die halbe Stadt Graz geleitete „ Hans Dampf in allen Gassen „ durch die
Gassen zum Friedhof, und noch heute können wir die Inschrift des Grabsteins
entziffern:
Hier ruht Hans Dampf in allen Gassen.
Möge ihm der Herr gnädig sein und eine Tätigkeit als Himmelsbote zuweisen.
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BABSvomKUTSCHI
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